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Neuer Anzeiger 11 Dezember 2015

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Seite 16 NEUER ANZEIGER

Seite 16 NEUER ANZEIGER für das AachThurLand und die Region Bürglen Freitag, 11. Dezember 2015 Sulgen «Die Bevölkerung weiss zu differenzieren» Sulgen. Seit dem 26. Oktober dient die Luftschutzanlage in Sulgen Asylsuchenden als temporäre Unterkunft. Martin Reichlin vom Staatssekretariat für Migration zieht eine positive Zwischenbilanz. Er würdigt die Einstellung der Bevölkerung und lobt die Zusammenarbeit mit der Gemeinde. Mit welchen Erwartungen hat das Staatssekretariat für Migration die Sulger Unterkunft für Asylsuchende in Betrieb genommen? Martin Reichlin: Unser Ziel war angesichts der hohen Asylgesuchszahlen, zusätzliche Unterbringungsplätze zu schaffen für Personen, die in Kreuzlingen ein Asylgesuch stellen. Dank der guten Vorbereitung und der guten Zusammenarbeit mit allen Beteiligten gingen wir davon aus, dass eine Entlastung der Strukturen in Kreuzlingen relativ rasch erreicht werden kann. Haben sich diese Erwartungen bisher erfüllt? Reichlin: Ja, die Erwartungen wurden absolut erfüllt, wenn nicht gar übertroffen. Insbesondere haben uns das Engagement und das Wohlwollen der Gemeinde, der Schulen, der Kirchen und der Bevölkerung beeindruckt. Wie ist der Betrieb angelaufen? Was hat auf Anhieb funktioniert, und in welchen Bereichen gibt es noch Verbesserungspotenzial? Reichlin: Der Betrieb ist sehr gut angelaufen. Es braucht zwar immer eine Eingewöhnungszeit, aber diese war erstaunlich kurz. Die Betreuung der Asylsuchenden hat auf Anhieb sehr gut funktioniert. Die Mitarbeitenden sind mit Herzblut dabei und suchen nach kreativen Lösungen, was auch die Asylsuchenden spüren. Ein kleines Beispiel für Verbesserungspotenzial sind fehlende Möglichkeiten zum Schneiden der Haare. Dies wird mit der Anschaffung von Haarschneidemaschinen behoben. Wie fallen die Reaktionen der Asylsuchenden aus, wenn sie nach Sulgen kommen und zum ersten Mal ihre neue Unterkunft sehen? Reichlin: Persönlich war ich noch nicht dabei bei der Ankunft von Asylsuchenden. Wir hatten aber keinerlei negative Reaktionen. Haben Sie den Eindruck, dass sich die Menschen in Sulgen wohl und geborgen Temporäre Unterkunft für Asylsuchende: die Luftschutzanlage in Sulgen. fühlen oder gibt es auch Reklamationen? Reichlin: Wir haben den Eindruck, dass sich die Asylsuchenden in Sulgen sehr gut aufgehoben fühlen. An einer Informationsveranstaltung für Asylsuchende gab es von ihnen spontan Applaus für die sehr gute Betreuung vor Ort. Die Asylsuchenden halten sich in der Regel von halb sechs Uhr abends bis halb neun Uhr vormittags in der fensterlosen Luftschutzanlage bei künstlichem Licht auf. Ist diese lange Dauer kein Problem? Was machen die Asylsuchenden in dieser Zeit? Reichlin: Vor und nach den Ausgangszeiten werden die Asylsuchenden verpflegt. Von 22 Uhr bis 6 Uhr ist Nachtruhe. Zudem wurde ein Fernseher installiert, mit dem Filme angeschaut werden können. Vor der Nachtruhe besteht auch die Möglichkeit, noch einmal kurz an die frische Luft zu gehen, unmittelbar vor der Unterkunft. Wir mussten bisher kaum jemanden ins Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen umquartieren, was ein Indiz dafür ist, dass sich die Asylsuchenden durchaus mit der Situation arrangieren können. Vordergründig ist die Stimmung in der Bevölkerung neutral bis wohlwollend. Es gibt aber auch eine latente Angst. Haben Sie Verständnis für die Bedenken, und wie begegnen Sie diesen? Martin Reichlin Bild: pd Bild: hab Reichlin: Die Hilfsbereitschaft und das Wohlwollen der Einwohner sind enorm. Selbstverständlich ist uns aber bewusst, dass die Ankunft einer grösseren Gruppe von Asylsuchenden bei den Bürgerinnen und Bürgern Fragen aufwirft und Befürchtungen weckt. Es ist uns und den Verantwortlichen der Gemeinde Sulgen deshalb ein grosses Anliegen, dass uns Sorgen und Probleme im Alltag mitgeteilt werden – dann können wir entsprechend reagieren. Befürchten Sie nach den Terroranschlägen vom 13. November in Paris eine Abnahme der Akzeptanz in der Bevölkerung oder sogar eine feindselige Stimmung? Reichlin: Ich bin sicher, dass die Bevölkerung sehr genau differenzieren kann zwischen Menschen, die in der Schweiz um Schutz bitten, und Terroristen. Wie bewerten Sie die ausländerfeindlichen Sprayereien mit Nazi-Symbolen, die gleich am ersten Tag in unmittelbarer Nähe der Unterkunft zu sehen waren? Reichlin: Das Staatssekretariat für Migration verurteilt jegliche rassistische Äus serungen und begrüsst es, dass die Gemeinde Sulgen nach diesem Vorfall eine Strafanzeige eingereicht hat. Werden die Asylsuchenden über solche oder ähnliche Ereignisse informiert? Reichlin: Nein, die Asylsuchenden wurden nicht offiziell informiert. Dieser Vorfall ereignete sich, bevor die Unterkunft in Betrieb ging und hatte keinerlei Auswirkungen auf den Alltag der Asylsuchenden. Wie häufig wird die eigens eingerichtete Telefon-Hotline in Anspruch genommen und aus welchen Gründen? Reichlin: Es gab bis 20. November einen Anruf auf die Hotline. Es wurde gemeldet, dass vier Asylsuchende während einer Trauerfeier in eine Kirche getreten seien. Wir haben reagiert und die Asylsuchenden darauf hingewiesen, dass sie Kirchen betreten dürfen, Trauerfeiern aber nicht gestört werden sollen. Als problematisch wird von vielen Leuten die Nähe der Unterkunft zur Schulanlage Auholz angesehen. Wie hat sich dieses Nebeneinander bisher gestaltet? Reichlin: Das Nebeneinander und Miteinander verläuft – auch dank der sehr guten Information der Eltern und Schüler durch die Schulgemeinde und die Lehrerschaft – problemlos. Es kam auch schon zu sehr positiven Begegnungen zwischen der Schule und den Asylsuchenden. Kommen die Asylsuchenden auch in Kontakt mit der Bevölkerung und gibt es für diesen Fall Verhaltensregeln, an welche sie sich halten müssen? Und wie sollen die Einwohner reagieren? Reichlin: Es gibt während der Ausgangszeiten täglich Kontakte von Asylsuchenden mit der Bevölkerung. Die Asylsuchenden werden deshalb von unserem Betreuungspersonal über die wichtigsten Verhaltensregeln informiert. Im Grunde schätzen die Menschen, die hier ein Asylgesuch einreichen, dieselben Dinge wie wir Schweizer auch: Dass man sich freundlich grüsst und offen aufeinander zugeht. Wie viele Asylsuchende wohnen in der Sulger Unterkunft an der Auholzstrasse? Reichlin: Aktuell halten sich rund 100 Asylsuchende in Sulgen auf. Die Aufenthaltsdauer beträgt rund zwei Wochen. Welche Bilanz ziehen Sie nach dem ersten Monat? Ist aus heutiger Sicht mit einer Verlängerung der Nutzung über den 31. Januar 2016 hinaus zu rechnen? Reichlin: Die Bilanz ist für uns sehr positiv. Bevor es aber zu einer Verlängerung kommen könnte, müsste auf jeden Fall die Gemeinde Sulgen erneut ihre Zustimmung geben. Interview: Georg Stelzner Zur Person Martin Reichlin ist stellvertretender Leiter Information und Kommunikation im Staatssekretariat für Migration. Dieses ist Teil des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes. (st)

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